Handyvideo – Ein Kommentar

Bellenberger Bahnhof: Ein Mann im Auto diffamiert einen Dunkelhäutigen und eine Frau, die versucht deeskalierend einzuwirken. Die meisten werden mittlerweile das Handyvideo gesehen oder zumindest davon gehört haben. Auch die lokale Presse hat davon berichtet.

Xenophobie

Was hier zu sehen ist, nennt sich Xenophobie. Xenophobie ist die Angst gegenüber Fremden, die sich beispielsweise in Fremdenfeindlichkeit ausdrückt. Dabei beruht Xenophobie auf einer irrationalen und unbewussten Angst, die durch Bewusstwerdung abgebaut werden kann. Wer oder was ist also der oder das Fremde? Wie sollen wir reagieren? Mit Angst und Aggression oder mit Offenheit und Zuversicht?

Der Fremde ist nicht „der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern […] der, der heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel, S. 509). Dieses Zitat stammt von Georg Simmel aus dem Jahre 1908. Dieser Philosoph und Soziologe hat also bereits vor über hundert Jahren erkannt, dass ein Fremder nicht kommt und dann wieder geht, sondern kommt und bleibt. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen und im Hinterkopf behalten, wollen wir das Fremde verstehen.

Frieden oder Krieg?

Zunächst stehen andere Fragen im Raum: Wollen wir in Frieden oder Krieg leben? Und was ist eigentlich der natürliche Zustand der Menschheit? Schaut man etwa 200 Jahre zurück, stößt man auf eine kleine Schrift von Immanuel Kant. Sie heißt „Zum ewigen Frieden“. Darin schreibt er: „Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturstand (status naturalis), der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d. i. wenngleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er muß also gestiftet werden“ (Kant, S. 10). Wenn der Frieden also gestiftet werden muss, sind xenophobe Handlungen, wie sie im anfangs erwähnten Video zu sehen sind, kontraproduktiv. Sie tragen nicht zu einer friedlichen Atmosphäre bei, sondern fördern stattdessen einen „Zustand des Krieges“, in dem keiner wirklich leben möchte.

Hospitalität

Wie können wir all die durch die Flucht entstandenen Herausforderungen meistern? Kant stellt in seiner Schrift mehrere Artikel einer Verfassung auf und nennt dabei das Weltbürgerrecht, das einem jedem Menschen zukommt: Es ist „vom Recht die Rede, und da bedeutet Hospitalität (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen von diesem nicht feindselig behandelt zu werden“ (Kant, S. 21). Nicht feindselig begegnen – weder einem dunkelhäutigen Menschen noch einer Frau, die Zivilcourage zeigt.

Die Idee eines Weltbürgerrechts ist „keine phantastische und überspannte Vorstellungsart des Rechts“ (Kant, S. 24). Es sei vielmehr eine Ergänzung des Staats- und Völkerrechtes und so auch eine Hilfe zum ewigen Frieden, „zu dem man sich in der kontinuierlichen Annäherung zu befinden nur unter dieser Bedingung schmeicheln darf“ (Kant, S. 24). Immanuel Kant begründet das mit einem zu seiner Zeit fortschrittlichen Globalisierungsgedanken: „Da es nun mit der unter den Völkern der Erde einmal durchgängig überhand genommenen (engeren oder weiteren) Gemeinschaft so weit gekommen ist, daß die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird“ (Kant, S. 24). Wir leben nun mal in einer globalisierten Welt. Diese Tatsache gilt es zu akzeptieren, wollen wir Licht ins Dunkle bringen und wollen wir uns die Angst vor dem Fremden bewusst machen. Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einem friedlichen Miteinander, das keineswegs eine Utopie ist. Der „ewige Friede [ist] keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele […] beständig näher kommt“ (Kant, S. 59).

Fazit

Wir sollten uns nicht von unseren Ängsten leiten lassen, sondern sie uns bewusst machen. Dadurch beugen wir einer feindseligen Einstellung vor, die im schlimmsten Fall zu einem Krieg führen kann. Indem wir auf unsere Ängste schauen, erkennen wir deren Grundlosigkeit. Das ist auf individueller sowie gesellschaftlicher Ebene wichtig, wenn wir in Frieden leben wollen. In einer globalisierten Welt, ob man diese nun befürwortet oder ablehnt, sollten wir den Blick auf das große Ganze nicht verlieren, unsere Äußerungen reflektieren und dem Fremden das Recht auf Hospitalität gewähren und ihm aufgrund dessen friedlich begegnen.

 

(Ein Kommentar von Sascha Wollny. Folgende Personen/Mitglieder des Integrationskreises unterstützen die darin geäußerte Meinung: Sylvia, Ludwig, Elisabeth, Daniel, Carolin)

 

Literatur

Kant, Immanuel: „Zum ewigen Frieden“.

Simmel, Georg: „Exkurs über den Fremden“. In ders.: „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“, S. 509.